Nationalparks Austria - Teil 2

Wildnis und Nationalparks
Urkraft in den Donau-Auen

Wildnis rührt an Alter und Permanenz. Im Nationalpark Donau-Auen zeigt sich, dass Wildnis nur bedingt mit Beständigkeit zu tun hat. In kaum einem anderen System zeigt sich Natur so schöpferisch, kraftvoll und gestalterisch wie in einer intakten Flusslandschaft. Welche Dynamik sie antreibt, weshalb es sie weltweit kaum noch gibt und warum „Urwald“ nichts mit „uralt“ zu tun haben muss, das klärt der zweite Beitrag zum Themenschwerpunkt „Wildnis und Nationalparks“.

 

(c)Kracher

Wildnis, da denkt man an verwachsene Wälder, jahrhundertealte Bäume und wenn schon nicht an Ewigkeit, so doch zumindest an Beständigkeit. Im Nationalpark Donau-Auen zeigt sich Wildnis von einer ganz anderen Seite. Das seit 1996 bestehende Schutzgebiet hütet eine spezielle Form von Wildnis. Sie zeichnet sich gerade nicht durch ein hohes Alter aus. Ihre Besonderheit ist die Dynamik, angetrieben von der Lebensader des Nationalparks: der Donau. Mit über 2.800 Kilometern ist sie der zweitlängste Fluss Europas, wirklich frei fließt sie in Österreich aber fast nirgends mehr. Einzig in der Wachau und im Nationalpark darf die Donau noch - beziehungsweise wieder - Fluss sein.

Vom Wildfluss zur Wasserstraße

Im Nationalpark hat man die Donau aus ihrem 120 Meter breiten Schifffahrtskorsett befreit und sie ihrer eigenen Dynamik überlassen. Führt sie Hochwasser strömt die Donau über ihre natürlichen Ufer in die umliegende Au, flutet den Auwald, schafft Schotterbänke und bringt mit den mitgespülten Sedimenten einen wertvollen Dünger in die Landschaft ein. Sinkt der Wasserstand bricht Tag Null für eine neue Generation in der Auenlandschaft an. Der Nationalpark östlich von Wien schützt mit ihr die größte zusammenhängende, ökologisch weitgehend intakte Aulandschaft Mitteleuropas. Es handelt sich dabei um den letzten großen unverbauten Abschnitt an der oberen Donau, die noch von Auwäldern begleitet wird.

Die Donau von heute hat mit einem natürlichen Fluss kaum noch etwas zu tun. Man mag sich dessen gar nicht recht bewusst sein, kennen wir doch fast ausschließlich Flüsse in Gestalt der Donau: Begradigt, befestigt, reguliert. 2019 hat die Fachzeitschrift Nature eine Untersuchung zur globalen Regulierung der Flüsse publiziert. Weltweit gibt es nur noch ein Viertel an Flüssen, die ihrem natürlichen Lauf überlassen sind. Angesichts dieser Bilanz kann man bald einmal glauben, natürliche Flüsse sähen aus wie die schnurgerade Donau. Woher soll man auch von Flussdynamik und Auenlandschaft wissen, wenn man diese sogut wie nirgends mehr zu sehen bekommt? Immerhin: Im Nationalpark Donau-Auen präsentiert sich die Donau als der Wildfluss, der sie einmal war - und zeigt eindrucksvoll wie sie die Landschaft in einem ständigen Kreislauf aus Neuerschaffung und Zerstörung immer wieder aufs Neue umgestaltet.

Hier wirft man einen Blick in die Vergangenheit, in jene Prä-Regulierungszeit, als die Donau noch ein frei mäandrierender Fluss war, in ständiger Bewegung, mit unzähligen Seitenarmen und begleitet von einer Auenlandschaft, die sich in einem ständigen Wechsel von Entstehen und Vergehen immer wieder neu erschaffen hat. Die große Donauregulierung hat dieser natürlichen Dynamik der Donau im 19. Jahrhundert ein jähes Ende gesetzt. Man hat den Fluss auf einen Hauptstrom reduziert, ihn begradigt und seine Ufer verbaut. Mitte des 20. Jahrhunderts entstand dann eine Kraftwerkskette entlang der Donau. Beides, Regulierung und Wasserkraftnutzung, zeitigen Konsequenzen für den Fluss: Sie stören das natürliche Abflussregime der Donau, schneiden die Auen vom Fluss ab und beeinflussen den Geschiebetransport. Die Folgen: Die Augewässer verlanden, natürliche Ufersituationen werden zerstört und - mit die größte Herausforderung - bewirken eine sukzessive Sohleintiefung, heißt: Die Donau gräbt sich allmählich immer tiefer ein. Ohne Maßnahmen würde sie sich Prognosen zufolge in hundert Jahren um zwei Meter absenken - und mit ihr: unser Grundwasserspiegel.

(c)ZlotKudich

Zurück zur Wildnis

Es ist schier unmöglich die natürliche Dynamik einer Flusslandschaft zu würdigen, wenn man sich ihrer determinierenden Kräfte nicht bewusst ist. Erst wer um die gleichermaßen gestalterische wie zerstörerische Kraft einer intakten Flusslandschaft weiß, kann im faszinierenden Spiel um Niedergang und Auferstehung einen eindrucksvollen Trumpf der Wildnis erkennen. Welche Vorteile ergeben sich also aus diesem vermeintlichen Sisyphus-Spiel, wo auf jedes Kreieren ein neues Niederreißen folgt? Christian Baumgartner von der Bereichsleitung Natur und Wissenschaft im Nationalpark Donau-Auen gibt Antwort und nennt vier wesentliche Gründe:

  • Wo ein Fluss frei fließen darf wird auch sein Geschiebetransport nicht beeinflusst. Sobald man einen Fluss zu begradigen beginnt erhöht sich seine Fließgeschwindigkeit und daraus resultierend auch der Geschiebetransport. Die Folge: Der Fluss gräbt sich schneller und stärker ein (Sohleintiefung).
  • Unbefestigte Ufer erschließen strukturierte Lebensräume. Christian Baumgartner erzählt: „Der Fischbestand hat lokal ganz stark zugenommen, wo Uferbefestigungen entfernt wurden. Für einen Fisch macht es einen Unterschied, ob er an einem Blocksteinufer haust oder er ein strukturiertes Ufer hat.“ Im Uferbereich entstehen überdies Abbruchkanten, wo wiederum Arten einen Lebensraum finden, die auf offene Standorte angewiesen sind.
  • Sind Ufer nicht befestigt kann der Fluss nach eigener Logik in die Landschaft einbrechen und Seitenarme bilden.
  • Wird die Verbindung von Fluss und Auen getrennt verlanden nicht nur allmählich die Augewässer, auch kann die Donau keine Sedimente mehr in die umliegende Landschaft einbringen.

 

Daher bildet eine umfassende Revitalisierung der natürlichen Flussdynamik das zentrale Anliegen des Nationalparks Donau-Auen. Im Kern der Renaturierungsmaßnahmen stehen diverse Gewässervernetzungsprojekte, dazu zählen unter anderem die Anbindung von Altarmen und die Erschließung von Einströmungsöffnungen, sowie Rückbauten im Uferbereich zur Revitalisierung der Donauufer. Kalkulationen der Wasserstraßenverwaltung Via Donau zeigen, dass bis zu 50% der Uferverbauungen reversibel sind, ohne Risiken für Schifffahrt oder Hochwasserschutz zu generieren. Gerade für den Hochwasserschutz können unbefestigte Ufer von ungeahntem Vorteil sein. Christian Baumgartner dazu: „Es ist der alte Slogan: Breitwasser statt Hochwasser“. Wo der Fluss bei Hochwasser über seine Ufer treten und in die Au eindringen darf, wächst er sich statt in die Höhe in die Breite aus. Derzeit sind im Nationalpark knapp sechs Kilometer Uferbereich steinfrei, „da sind schon noch gut 30 Kilometer da, die man rückbauen kann“, sagt Baumgartner.

Welche Form nun also zeitigt die Wildnis hier im Nationalpark Donau-Auen? Im Nationalpark bedurfte es einiger Anstrengung, sie überhaupt erst wieder in die Flusslandschaft einzuführen. Erst im Gefolge der breit angelegten Revitalisierungs- und Renaturierungsmaßnahmen hat sich allmählich wieder das entfaltet, was im Kern diese besondere Form der Wildnis ausmacht: Dynamik. Die Donau, aus dem Kanal befreit, bestimmt den Rhythmus und die Lebensdauer der umliegenden Auen. Führt sie Hochwasser tritt sie über ihre Ufer und arbeitet die Landschaft um. Bis zu sieben Meter Pegelunterschied verdeutlichen die gestalterische Urkraft der Donau. So mächtig und alt die Schwarzpappeln im Auwald auch anmuten mögen: Ihre Lebensdauer übersteigt selten die 120-Jahr-Marke. Es macht schlicht keinen Sinn für einen Auwald wesentlich älter zu werden, Analysen der Wiener Kartografie zeigen, dass nur 1% einer intakten Flusslandschaft in hundert Jahren nicht mindestens ein Mal zwischen Land und Wasser gewechselt hat.

(c)Baumgartner

Im Wandel zum Urwald

 Warum also wesentlich älter werden, wenn doch nach hundert Jahren ohnehin die Donau alles wieder niederreißt und wegspült? Umso intensiver und schneller wächst ein Auwald auf. Er strebt mit aller Kraft und Intensität dem Leben zu, ist es für ihn doch zeitlich streng limitiert. Den Seitenarmen geht es wie den Auwäldern: Auch ihre Lebensdauer ist beschränkt. Das Werden der Auen wird vom Vergehen schon in ihrer Entstehung vorweggenommen. Es ist diese sogenannte Sukzessionsreihe, in der sich die Dynamik der Flusslandschaft am eindrücklichsten zeigt. Was kommt, wird bald wieder vergehen. Im Vergehen aber ist das Neuerstehen schon wieder inbegriffen.

 Der zuständige Fachausschuss definiert im Positionspapier „Wildnis und Prozessschutz in österreichischen Nationalparks“ Wildnis als ein „vom Menschen ungenutztes, unerschlossenes Gebiet“ (siehe auch "Wildnis und Nationalparks: Natur als Orginial". Das „Ur“ im Urwald rührt an den Kern von Wildnis: An ein System, das vom Menschen unbeeinflusst entstehen, sein und vergehen darf. Alter hat hier nur bedingt mit den Vorstellungen zu tun, die mit „Ur“ in unseren Köpfen entstehen. Ob „Ur-wald“ oder „ur-alt“: Ein Auwald exerziert eindrücklich vor, dass er kein hohes Alter zu erreichen braucht, um alle Kriterien eines Urwalds zu erfüllen - und damit: Paradebeispiel ungeahnt dynamischer Wildnis zu sein.

 Zerstörung ist die Triebfeder der Evolution. Unter dieser Prämisse besehen sind intakte Flusslandschaften die wohl schöpferischste Gestalt, die Natur annehmen kann. Ihre einzige Permanenz ist die Veränderung. Nichts ist hier für immer, aber alles ist immer im Kreislauf aus Kommen und Gehen auf höchst dynamische Art und Weise befeuert vom Motor natürlicher Flusslandschaften: der Wildnis.

 

Text: Nationalparks Austria, Christina Geyer

 

Mehr zum Thema Nationalparks und Wildnis im dritten Teil.

(c)Franz Kovacs

NATIONALPARK DONAU-AUEN AUF EINEN BLICK

Lage: Wien & Niederösterreich

  • erstreckt sich von Wien bis zur Mündung der March in Niederösterreich, oberhalb von Bratislava

Errichtet: 1996

Größe: 9.600 Hektar

Zonierung:

  • 65% Auwaldflächen
  • 20% Wasserflächen, davon 36 Kilometer Fließstrecke der Donau
  • 15% Wiesenflächen

Lebensräume:

  • Donaustrom
  • Schotterbänke
  • Flachufer mit Verlandungen
  • Steile Uferkanten
  • Seitenarme & Altarme
  • Auwald (harte & weiche Au)
  • Heißländen & Wiesen

Besonderheit: Schützt eine der letzten großen unverbauten Flussauen Mitteleuropas

 
 

Gefördert durch Bund sowie Europäischer Union.

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