Wildnis und Nationalparks
Natur als Original

Nationalparks Austria - Teil 1

Mit dem Begriff Wildnis fängt jeder von uns schnell einmal etwas an. Was sich aber wirklich dahinter verbirgt, ist vermutlich nicht allen klar. Wildnis ist das erklärte Ziel der Nationalparks - und sie ist Schoss der stabilsten Ökosysteme überhaupt. Weshalb, wofür sie konkret steht und warum der Mensch nichts zu tun braucht als nichts zu tun, erläutern wir hier im ersten Beitrag der dreiteiligen Blog-Serie zum Thema Wildnis.

Ein Fluss mit Bäumen
(c)Zsolt Kudich

Wildnis. Das riecht nach Abenteuer und Natur. Aber auch nach Risiko und Gefahr. Dabei ist Wildnis zunächst einmal eine wertfreie Bezeichnung für das, was Natur war, ehe der Mensch sie zu gestalten begonnen hat. Wildnis ist Natur im Originalzustand. In anderen Worten: Sie ist das, was Natur heute wäre, wenn es den Menschen nie gegeben hätte. Nicht jede Form von Natur geht folglich als Wildnis durch. Überall dort, wo der Mensch eingegriffen und zu pflegen, ernten und bewirtschaften begonnen hat, haben wir es wohl mit Natur zu tun, nicht aber mit dem „Original“, der Wildnis. Im Positionspapier „Wildnis und Prozessschutz in österreichischen Nationalparks“ definiert der zuständige Fachausschuss Wildnis als ein „vom Menschen ungenutztes, unerschlossenes Gebiet“.

Als solches ist Wildnis damit zwingend auch eine Art Antithese zu Zivilisation und Kultur. Wildnis als jenes Original von Natur, das wäre, wenn wir daraus keine Acker- oder Bebauungsflächen gemacht hätten, kann auch wieder entstehen, sobald der Mensch sich zurücknimmt und nicht mehr eingreift. Das, was in weiterer Folge entsteht ist wieder Wildnis - wenn auch nur „sekundäre“ Wildnis. Bis zu 1.000 Jahre kann es dauern, bis eine solche Wildnis wieder entsteht und keinerlei menschliche Spuren mehr erkenntlich sind. Eine lange Zeit, aber eine, die ausnahmsweise einmal keine Ansprüche an den Menschen stellt. Wo der Mensch Wildnis fördern will, braucht er nichts weiter zu tun als nichts zu tun.

Viel Natur, wenig Wildnis

Ein leichtes Unterfangen, möchte man meinen. Ein Blick auf die globale Wildnis-Bilanz ist jedoch ernüchternd. Die allermeisten Räume sind vom Menschen bereits überprägt. Es gibt kaum noch Natur in ursprünglicher Form. Flächenversiegelung, Verformung und Umwandlung haben Wildnis fast gänzlich aus Europa verdrängt. Von den einstigen Naturwäldern Europas sind bereits 99% in Kulturlandschaft und Wirtschaftswälder überführt worden. Gerade einmal 1% gilt europaweit noch als „großer Naturraum“ respektive als Wildnis. Der ernüchternde Befund lässt sich selbst auf Österreich übertragen. Über 60% der Staatsfläche gelten zwar als „nicht nutzbar“ und doch: Wildnis findet sich darunter kaum noch. Gerade einmal 2% der Staatsfläche gelten noch als Wildnis, größtenteils liegt sie jenseits der Baumgrenze. Also dort, wo sie dem Menschen nicht besonders „weh tut“. Im Tal ist sie nahezu nicht mehr vorhanden.

Wo man Wildnis erhalten möchte, muss man sie schützen und vor dem Zugriff des Menschen verwahren. Im Naturschutz bedient man sich dabei einem Instrumentarium, das bereits im Blog-Beitrag „Naturschutz im Nationalpark“ eingehend vorgestellt worden ist. Es trägt den Namen „Prozessschutz“, sein Ziel: das „ergebnisoffene Zulassen autogener dynamischer Abläufe in eingriffsfreien Ökosystemen“ (Positionspapier). Vereinfacht ausgedrückt: Die Natur wird in Ruhe gelassen und darf sich frei entwickeln. Es wird nicht einmal mehr eingegriffen, um einzelne Arten zu schützen. Geschützt wird Natur als System, man vertraut dabei auf die ökosystemare Selbstorganisation. Und das kann mitunter schmerzen. Was sich in Wildnis offenbart, entspricht oftmals nicht dem Bild, das der Mensch von gefälliger, schöner Natur hat. Ein verkitschtes Naturbild sieht sich dort herausgefordert, wo Windwurf Bäume bricht, die als Totholz im Wald verbleiben. Das vermeintliche Chaos von Wildnis besteht jedoch nur in den Köpfen der Menschen, Natur selbst kennt keine Unordnung, kein „schön“ oder „hässlich“, keine Katastrophen und auch keine Schädlinge. Ob Lawine, Hochwasser, Sturm oder Borkenkäfer-Kalamitäten: Wildnis unterteilt nicht in „gut“ oder „schlecht“.

(c)NPKA

Dynamik, Treibstoff der Wildnis

Oft sind es gerade diese Störungen, die den Boden für Neues aufbereiten und natürliche Systeme wieder ins Gleichgewicht bringen. So besehen hilft der Borkenkäfer dem Wald dabei seinen überproportional hohen Fichtenanteil wieder auf ein natürliches Maß zu senken, der vom Sturm vermeintlich zerstörte Wald schießt sofort eine neue Baumgeneration nach und verjüngt sich auf ganz natürliche Art und Weise. Im Beitrag „Naturwunder Wald“ haben wir gelernt, dass der Fachbegriff für das, was wir Katastrophen heißen „Störung“ lautet und sich dahinter kein Unglück, sondern etwas Famoses verbirgt. Störungen sind nicht weniger als die Triebfeder der Evolution, Zerstörung und Erneuerung sind untrennbar miteinander verknüpft.

Wildnis regeneriert sich beständig in einem fortlaufenden Kreislauf aus Werden und Vergehen, man nennt diese ökosystemare Selbstorganisation auch „Resilienz“. Kommen und Gehen, das ist vereinfacht ausgedrückt der Motor, der Wildnis antreibt. Er schnurrt solange, als sich Wildnis verändern und entwickeln darf - sein Treibstoff ist Dynamik.

Wildnis zuzulassen bedeutet daher auch auszuhalten, dass Permanenz nach Plan nicht existiert. Der aufgeräumte Wald ist ein Produkt menschlicher Phantasie. In der Wildnis wird nichts nach Plan gesetzt, gezüchtet oder beschützt, hier lernt der Mensch loszulassen - und bestenfalls: liebgewonnene Werturteile nach Schwarz-Weiß-Blaupause aufzugeben.

Wer sich aus der empfundenen Verantwortung als Aufpasser entlassen kann, der lernt auch eine Menge von Wildnis. Sie ist wie ein Freiluftlabor, in dem Natur vorexerziert, wie sie mit Veränderungen umgeht und auf äußere Einflüsse reagiert, wenn der Mensch ihr im Übereifer nicht zuvorkommt und selbst schon regulierend eingreift, um gleich vorab über die erforderlichen Maßnahmen zu befinden. Wo Natur frei von menschlichem Zutun reagieren und sich ausprobieren darf, gewissermaßen also tun und lassen kann was und wie es ihr beliebt, kann Wildnis zum Best-Practice-Beispiel werden. Sie ist Schoß der stabilsten Ökosysteme - oder wie Alpenpapst Werner Bätzing in seinen „Entgrenzten Welten“ schreibt:

 

„Die wilde Naturlandschaft ist ökologisch stabil, das macht sie so faszinierend. Die Kulturlandschaft ist labil, Wiesen wachsen ohne Pflege zu, Städte verfallen. Kulturlandschaft muss ständig reproduziert oder wiederhergestellt werden.“

 

Wildnis ist stabil, weil evolutionäre Prozesse ohne menschlicher Einflussnahme ablaufen dürfen. Evolution hat sich bewährt: Sie ist die beste Vorbereitung auf eine Zukunft, die noch niemand kennt. Und wie bereitet man sich auf etwas vor, das ungewiss ist? Der Weg der Wildnis heißt Vielfalt.

(c)Christian Übl

Mit Vielfalt ins Ungewisse

Je breiter sich Natur aufstellt, desto höher sind ihre Chancen einzelne Arten durchzubringen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich einzelne Organismen an verändernde Umstände anzupassen wissen. Das ist der entscheidende Grund für die ungeheure Vulnerabilität von Monokulturen. Hier bedarf es nur eines einzigen Schädlings - siehe Borkenkäfer -, um den gesamten Bestand zu vernichten. Dieser Befund lässt sich auch auf Klimaveränderungen übertragen. Je mehr Arten beispielsweise in einem Wald vertreten sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich einige von ihnen als anpassungsfähiger - ergo hitzeresistenter - als andere erweisen - und so den Fortbestand des Waldes sichern können.

Wildnis ist also nicht nur ein Freiluftlabor, sondern gleichermaßen auch ein Genreservat. Die österreichischen Nationalparks haben das erkannt und schützen österreichweit Lebensräume, in denen sich Natur frei entfalten darf - wo Natur nicht nur Natur, sondern Wildnis sein darf. Entsprechend haben sie bereits in der Nationalpark-Strategie 2010 festgehalten: „Das Zulassen der natürlichen Entwicklung von Ökosystemen ist das oberste Ziel in den Kernzonen der Nationalparks.“

 

Text: Nationalparks Austria, Christina Geyer

Mit Unterstützung von Bund und Europäischer Union.

 

Mehr zum Thema Wildnis und Nationalparks in den Teilen II & III

Urkraft in den Donau-Auen

Sulzbachtäler, ein Wildnisgebiet für den Nationalpark

 

 

Quellen und mehr Informationen zum Thema „Wildnis und Nationalparks“:

-Positionspapier: „Wildnis und Prozessschutz in Österreichischen Nationalparks

-Nationalparkradio: „Die Werte der Wildnis“ mit Reinhard Pekny

 
 

Gefördert durch Bund sowie Europäischer Union.

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