Nationalparks Austria - Teil I

Wälder im Nationalpark
Naturwunder Wald

Österreich ist ein Waldland. Rund die Hälfte der Landesfläche besteht aus Wald. Das sind über vier Millionen Hektar und 3,4 Milliarden Bäume, wie die 2019 präsentierte Waldinventur ergab. Der österreichische Wald ist aber nicht bloß groß. Er hat auch unzählige Gesichter: 118, um genau zu sein. So viele Waldgesellschaften kennt man in Österreich. Und auf sie entfallen 65 verschiedene Baumarten. Sie alle leisten einen unschätzbaren ökologischen Beitrag. Fürs Klima, unsere Luft, unser Trinkwasser und für die Biodiversität.

(c)Erich Mayrhofer

Die Leistung der Wälder

Im Wald verdunsten an einem Tag bis zu 60.000 Liter Wasser pro Hektar. Das erklärt, warum die relative Luftfeuchte in einem Wald bis zu 10% höher ist als im unmittelbaren Umland. Der Wald reguliert damit nicht nur unser Kleinklima, er ist auch „einer unserer wichtigsten Partner im Kampf gegen den Klimawandel“, heißt es in der Waldstrategie 2020+ unserer Bundesregierung. Aus gutem Grund: Wälder speichern das bis zu 40-fache des jährlichen CO2-Ausstoßes Österreichs, ein Kubikmeter Holz bindet fast eine Tonne CO2. Viele Länder setzen angesichts der klimatischen Veränderung bereits auf großflächige Wiederbeforstungen. Ganz nebenbei filtern Wälder auch noch Staub aus der Luft, eine durchschnittliche Buche gleich mehrere Tonnen pro Jahr. Der Filterfunktion der Wälder haben wir nicht zuletzt auch unser qualitativ hochwertiges Trinkwasser zu verdanken.

Wir profitieren von Wäldern, am augenscheinlichsten in ihrer Funktion als Erholungsoasen. Der Wald ist aber auch Lebensraum von etwa der Hälfte der gesamten biologischen Artenvielfalt der Erde. Das macht ihn zum Epizentrum der Artenvielfalt. Nicht immer ist es gut um den Wald gestanden. Mitteleuropa war einst fast zur Gänze bewaldet, 90% der Fläche entfielen auf Wälder. Mittlerweile ist dieser Bestand in Europa auf rund 25% eingeschrumpft. Holz war und ist gefragt: Stets als Brennstoff, dann für die Eisen- und Salzindustrie, heute vor allem für die Bau- und Möbelindustrie. Anfang des 19. Jahrhunderts war Österreich weitgehend entwaldet. Mit dem Rückgang der Wälder ging ein Rückgang der Baumartenzusammensetzung einher, denn wirtschaftlich interessant war (und ist) vor allem die Fichte. Die Folgen ihrer extensiven Förderung zeitigten die Verdrängung anderer Bäume, allen voran von Buche, Eiche und Tanne.

 

Größe allein macht keinen Naturwald

Um die Größe des Waldes braucht man sich in Österreich dieser Tage nicht mehr zu sorgen. Laut jüngster Waldinventur wächst sogar mehr Wald nach als entnommen wird. In Zahlen: Jährlich wächst in der Alpenrepublik eine Waldfläche von knapp 4.800 Fußballfeldern nach. Bloß, die Fichte kommt wieder ins Spiel. Österreich mag fast zur Hälfte aus Wald bestehen, der Löwenanteil entfällt dabei allerdings auf Wirtschaftswälder, nämlich 80%. Obwohl bereits wieder mit Laubholz bestockt und der Nadelholzanteil dezimiert wird - nicht zuletzt in Reaktion auf die Borkenkäfer-Kalamität -, werden immer noch knapp 90% der sogenannten „nachwachsenden Hölzer“ genutzt. Die Waldnutzung ist bei gleichzeitiger Wiederbestockung gestiegen. Nach wie vor bestehen Österreichs Wälder zu 61% aus Fichten. Ihr natürlicher Anteil liegt bei geschätzten 35%.

Naturnahe Wälder wurden auf eine Restfläche von 20% zurückgedrängt. Um Urwälder, jene Wälder, die noch nie genutzt und bewirtschaftet worden sind, ist es noch schlechter bestellt. In Österreich gelten noch nicht einmal mehr 3% der Wälder als ursprünglich. In einem solchen präsentiert sich der Wald in seiner ureigensten Gestalt: Er ist unberührt von menschlichen Eingriffen, gestaltet nur vom Meißel der Natur. So sieht Wald aus, hätte es den Menschen nie gegeben.

In so einem Wald pulsiert das Leben: Viele Bäume, viele Arten. Das Zusammenspiel ist sensibel, manche Käfer etwa sind auf das Totholz uralter Buchen angewiesen. Wo es keine Buchen mehr gibt, schon gar keine uralten, da gibt es auch diesen Käfer nicht mehr. Wo keine Buche, da kein Totholz, wo kein Totholz, da kein Käfer, wo kein Käfer, da keine abgelegte Larve, wo keine Larve, da kein Specht, der sich von dieser Larve ernähren kann.

(c)M. Graf
(c)TVB Rauris Florian Bachmeier
(c) Stefan Leitner

Werden und Vergehen: Die Triebfeder der Evolution

Der Wald ist ein feingliedriges, fragiles Konvolut. Entnimmt man ihm einen Baustein kann ein gesamter Teil kollabieren. Das gilt selbst für vermeintlich tote Materie: Im Wald gibt es wenig wertvolleres als einen toten Baum. Totholz wirkt als Humus für den Waldboden, hält sein Volumen konstant und schützt ihn vor Erosion. Darüber hinaus ist Totholz wichtiger Lebensraum für eine Vielzahl von Arten. Ein Blick auf die Roten Listen verdeutlicht, dass ein Großteil existenzbedrohter Insekten an Totholz gebunden ist. Mit der Intensivierung der forstlichen Nutzung wächst auch die Artenliste in der höchsten Gefährdungskategorie an. Die wirtschaftliche Struktur im Forst ist auf die Entnahme von Holz gerichtet, Totholz verbleibt für gewöhnlich nicht in einem Wirtschaftswald. Anders in Nationalpark-Wäldern.

 

Der Wald im Nationalpark: Eine Ode auf das Durcheinander

Wer mit aufgeräumten Waldbildern aus Forsten vertraut ist, wird im Nationalpark womöglich erst einmal staunen. Umgestürzte Bäume, morsches Totholz, Windwürfe: Ein Naturwald ist ein Stelldichein mit dem Chaos. Hier liegt vieles wild durcheinander - und keiner schert sich darum. Wir haben Begriffe für Naturereignisse gefunden: Katastrophe. Verwüstung. Unheil. Der Fachbegriff lautet Störung. Und tatsächlich verbirgt sich hinter ihm kein Unglück, sondern etwas Famoses. Störungen sind nicht weniger als die Triebfeder der Evolution. Sie sind der Quell für Erneuerung und ermöglichen das, was gemeinhin „Resilienz“ genannt wird. Damit beschreibt man die Regeneration der Wälder in einem andauernden Kreislauf aus Werden und Vergehen. Ob Sturm und Windwurf, Lawine oder Mure, Hochwasser oder Dürre, Borkenkäfer oder Insektenbefall: Erst die Veränderung leitet Dynamik ein. Der Wald entfesselt seine Kraft im Umgang mit einschneidenden Veränderungen.

„Zurück zum Urwald“ ist im Nationalpark keine Phrase, sondern programmatische Erklärung. Der Wald bleibt sich selbst überlassen. Nichts wird aufgeräumt, aktiv gefördert oder bewusst entnommen. Es ist eine Botschaft, die Mut macht, findet Franz Sieghartsleitner vom Nationalpark Kalkalpen: „Die Natur hat enorme Selbstheilungs- und Regenerationskräfte. Man muss sie nur lassen.“ Der Wald im Nationalpark wirkt vielleicht unaufgeräumt, scheint einem heillosen Durcheinander überlassen. Wer aber etwas genauer hinsieht, der macht ein reges Treiben aus: Gewusel und Gekrabbel, Gesumme und Gezwitscher. Wo viel Totholz, da viele Arten. Wo viele Arten, da noch viel mehr Arten. Und wo wirklich viele Arten, da vielleicht bald wieder das, was im Nationalpark erklärtes Ziel ist: Urwald.

Mehr dazu im zweiten Teil.

 

Text: Nationalparks Austria, Christina Geyer

 

(c)Zsolt Kudich

Quellen und mehr Informationen zum Thema "Wald in Österreich":

Bundesforschungszentrum für Wald
Umweltbundesamt
Waldinventur 2019
Waldstrategie 2020+

 

Mit Unterstützung von Bund und Europäischer Union.

 
 

Gefördert durch Bund sowie Europäischer Union.

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