Rangergeschichte

Von Kindern, Rangern
und dem Glück

Raimund Reiter (Gesäuse) berichtet über seine ersten Erlebnisse als Nationalpark Ranger und die vielseitigen Aufgaben. In seinem Alltag gibt es Momente, bei denen er teilweise an seine Grenzen stößt und dann wiederum Augenblicke, an denen er sein Glück gar nicht fassen kann, dass er diesen Beruf ausüben darf.

(c)NPG Reiter

Es ist so weit – ich bin auf dem Weg zu meiner ersten Führung als frischer Nationalpark Ranger. Verzweifelt drücke ich das Gaspedal durch. Die Straße ist schmal und kurvenreich, und ich habe ein schlechtes Gewissen. Nicht nur wegen dem Gaspedal. Denn mir ist klar, egal, wie schnell ich fahre, ich werde mich verspäten. Das darf doch überhaupt nicht wahr sein! Wie konnte ich mich so in der Vorbereitungszeit verschätzen! Die Ausbildung war extrem intensiv, wir haben alles gelernt – nur nicht, wie wir eine Führung mit Kindern durchführen sollen. Ich weiß nicht, wie ich diesen Vormittag überstehen soll…

Nicht lange danach betreue ich erstmals ein Kinder-Sommercamp. Ein Horror. Ständig muss ich ein paar Burschen davon abhalten, sich gegenseitig zu verdreschen, einer der Jungs ist zwischendurch mal abgängig, weil sich sein Ego zu wenig beachtet fühlt, einer kommt aus Russland und kann so gut wie gar nicht mit den anderen kommunizieren, einem anderen muss ich einen hochprozentigen Kosmetikartikel abnehmen, nachdem er begonnen hatte, diesen zu konsumieren, und so geht es dahin. Als die Woche vorbei ist, steht mein Entschluss fest: Ich schmeiße die ganze Sache hin. Aus. Nie wieder.

(c)Stefan Leitner

Ich hab’s doch nicht getan. Zum Glück. Und habe viel gelernt aus dieser ersten Saison. Die Erfahrungen mit hunderten Schülern während der vergangenen Jahre geben nun eine gewisse Sicherheit. Und obwohl viele Abläufe zur Routine werden – es bleibt jede Führung mit Kindern oder Jugendlichen individuell. Warum das so ist, liegt auf der Hand. Zu verschieden sind die Charaktere. Spannungen unter den Schülern durch fehlende Sozialkompetenz. Die Unterschiede im körperlichen Leistungsniveau sind oft extrem. Unterschiede in der Herkunft, die ein miteinander schwierig machen. Ich mag diese Herausforderung, trotzdem gemeinsam das Beste daraus zu machen. Denn eines ist klar: Man kann es nie allen recht machen, und es wird nie alle alles interessieren.

Einer der „alten“ Ranger hat einmal zu mir gesagt, wenn eine Schülergruppe ankommt, weiß man gleich auf den ersten Blick, wie die Rollen verteilt sind. Wer der Coole ist, wer der Streber, der Komiker, der Anhängliche, der Rebell, und so weiter. Wow, habe ich mir gedacht, wie soll man das bei so einem Haufen so schnell erkennen? Mittlerweile, wenn eine neue Gruppe eintrifft, erinnere ich mich jedes Mal an dieses Gespräch, muss unweigerlich schmunzeln, und sofort fallen mir auf: der Coole ist, der Streber, der Komiker…

Auch wenn es bis jetzt den Anschein erwecken mag, dass die Arbeit als Ranger ständige Mühsal bedeutet – dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil. Aber es gibt natürlich beide Extreme. Ich erinnere mich an genug Situationen, die einen an die eigenen Grenzen bringen und an den eigenen Fähigkeiten zweifeln lassen. Und es gibt diese besonderen Führungen, die von Anfang bis Ende so harmonisch verlaufen, dass man sein Glück gar nicht fassen kann, in dieser Tätigkeit Fuß gefasst zu haben. Das ist dann die Zeit, wo die Welt plötzlich vollkommen in Ordnung zu sein scheint. In diesen Momenten habe ich das Gefühl, glücklich zu sein.

 

Text: Raimund Reiter

(c)Stefan Leitner

 
 

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