Rangergeschichte

Sein und
sein lassen

Raimund Reiter (Gesäuse) regt zum Nachdenken an, indem er von seinen Erfahrungen, die er im Laufe von Projekttagen mit Schulklassen gesammelt hat, berichtet. Kinder müssen sich im Waldläufercamp unterschiedlichen Herausforderungen stellen und lernen einige Tage ohne Handys auszukommen.
Eines ist für den Nationalparkranger klar: Natur wirkt.

(c)NPG Reiter

Ein besonderer Ort

Stellt euch einen Ort vor, an dem es so ruhig ist, dass ihr keine Straßengeräusche hören könnt. Stellt euch einen Ort vor, wo es so wenig Empfang gibt, dass man das Handy gar nicht erst mitzunehmen braucht, weil man es gar nicht verwenden kann. Stellt euch vor, ihr braucht kein einziges Mal auf die Uhr zu blicken, weil die Zeit keine Rolle spielt. Stellt euch einen Ort vor, an dem ihr euren Luxus hinter euch lassen könnt, weil es euch an nichts fehlen wird, auch wenn es dort nichts gibt. Es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser. Es gibt nur das, was wir mitnehmen. Und mit dem müssen wir auskommen. Ganz passend zum Zeitgeist eigentlich, kommt mir gerade in den Sinn.

So in der Art beginne ich zu erzählen, wenn ich in einer Schule vor der Klasse stehe und über das Waldläufercamp erzähle. Im ersten Moment starren mich ungläubige Augen an. Dort sollen wir uns drei Tage lang aufhalten? Diese Fragen sehe ich in vielen Augen. Während der zwei Unterrichtsstunden, die wir nun miteinander Zeit haben, löst sich die Anspannung. Die Fragen ändern sich, werden differenzierter. Es geht um Grundbedürfnisse, persönliche Bedürfnisse, auch um Ängste. Für die meisten Schüler schwer vorstellbar: drei Tage ohne Handy. Für die meisten Eltern schwer vorstellbar: die drei Tage währende Ungewissheit, ob es dem eigenen Kind gut geht. Für mich gehört so eine Situation unbedingt zum Entwicklungsprozess eines jungen Menschen. Die Möglichkeit, sich eigenverantwortlich verhalten zu dürfen. Dazu gehört Vertrauen. Auch von uns Rangern.

Irgendwann ist es dann tatsächlich soweit. Die Bustüren gehen auf, aussteigen, Bus fährt weg, und - zack! - das Waldläufercamp wird real. Vor allem körperlich spürbar. Der Aufstieg auf die Hochscheibenalm erfolgt zu Fuß. Für viele die erste Berührung mit Bergen. Die Strecke ist zwar nicht schwierig, aber auch nicht unerheblich. Dreieinhalb Kilometer Wegstrecke, etwa 700 Höhenmeter. Für manche ein Gang an ihre Grenzen. Das Schöne daran: Niemand hat es bis jetzt nicht geschafft. Umso größer dann einerseits die Erleichterung, wenn wir das Camp-Gelände entern, andererseits die Überraschung, wie angenehm es dort ist. Der Platz hat was. Das spürt man. Auch die Schüler. Sie finden sich recht schnell mit den Gegebenheiten zurecht. Im Vordergrund steht nun das Miteinander. Schlafplätze gehören gebaut, denn wir schlafen im Freien. Wir brauchen ein Feuer, das Essen gehört gekocht. Wie spät es ist? Wir können nur raten.

Unsere Grundbedürfnisse bestimmen den Tagesablauf. Das einzige, was wir einteilen müssen, sind unsere Ressourcen. Wie viel Trinkwasser haben wir? Wie voll sind die Regentonnen? Was kochen wir aus unseren Lebensmitteln? Dazwischen bleibt genug Freiraum für Eigendynamik. Prozesse beginnen im Klassengefüge zu passieren. Manchmal in eine gute Richtung, manchmal weniger. Die Aufgabe der Lehrer: sich herausnehmen, um ihre Klasse in einem anderen Kontext beobachten zu können. Die Aufgabe von uns Rangern: gezielt durch diese gemeinsame Zeit zu lenken. Spielerisch Kooperationen zu stärken. Manchmal genügt auch, eben nichts zu tun. Das Handy? Kein Thema mehr. Wenn es drei Tage regnet? Dann kann es richtig beschissen werden. Aber auch richtig intensiv. Das gehört dazu. Und das Schönste, was es zu beobachten gibt: Natur wirkt.

 

Text: Raimund Reiter

(c)Stefan Leitner
(c)Stefan Leitner

 
 

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