Nationalparks Austria - Teil 5

Rettet das
Hintergebirge

Die Entstehung der österreichischen Nationalparks ist von einer großen Gemeinsamkeit getragen: In allen sechs Fällen hat man mit der Gründung der Nationalparks auf drohende Eingriffe in Naturlandschaften reagiert. Es ist vielen einzelnen Bürgerbewegungen zu verdanken, dass der Schutz dieser Regionen gelungen ist - mit durchaus originellen Maßnahmen. Die Nationalparks sind das Ergebnis dieser geglückten Aktionen. Wir unternehmen den Versuch einer chronologischen Erzählung. Von der Erfindung des Naturschutzes, seiner Veränderung im Wandel der Zeit und der Gründung unserer Nationalparks. Teil 5 der siebenteiligen Blog-Serie zur Naturschutzgeschichte Österreichs: Die Entstehung des Nationalparks Kalkalpen.

(c) Erich Mayrhofer

Nationalpark Kalkalpen

Die Gründung des Nationalparks Kalkalpen erfolgt zwar erst 1997, doch auch hier wirkt eine lange Entstehungsgeschichte vor. Angesichts von Wirtschaftsboom und Erschließungsdruck hegt man in den 60er-Jahren auch für die Kalkalpen in Oberösterreich große Visionen zur Wasserkraftnutzung. Die Ennskraftwerke AG hat ein Pumpspeicherkraftwerk in der Breitenau in Molln im Sinn, das einmal mehr auf lokalen Widerstand stößt. Wieder tut sich die Lösung in der Beschreitung eines basisdemokratischen Wegs auf. In einer Volksabstimmung von 1969 spricht sich eine überwältigende Mehrheit gegen den Bau des Kraftwerks aus, zugleich entsteht der Verein „Rettet das Steyrtal“. Schließlich stoppt der Verfassungsgerichtshof das Bauvorhaben des Kraftwerks. Es sind zum wiederholten Male - auch diesmal wieder - vermeintlich kleine Bürger, die einen großen Erfolg für sich verbuchen können.

Menschen sitzen um ein Lagerfeuer
(c)Heizmann

Besetzung der Kraftwerksbaustelle am Reichramingbach

Wenige Jahre später folgt auf die gelungene Abwehr des Großprojekts eine Schutzauszeichnung für das Sengsengebirge in den Kalkalpen. 1976 wird es zum Naturschutzgebiet erklärt. Die nächste Herausforderung lässt jedoch nicht lange auf sich warten. Bereits Anfang der 80er-Jahre wird publik, dass die VOEST einen Kanonen-Schießplatz im Hintergebirge zu errichten gedenkt. Es kursieren dazu sogar absurde Ideen von „Wander-Ampeln“, die dem Wanderer je nach Ampelfarbe entweder eine gefahrlose Beschreitung der Wege oder eben Gefahr durch Kanonenfeuer bedeuten sollen. Als Reaktion darauf gründet sich die „Aktionsgemeinschaft Hintergebirge“, nur ein Jahr braucht es, um die Pläne der VOEST aus dem Hintergebirge nach Eisenerz zu verlegen.

(c)Archiv Nationalpark Kalkalpen

 

 

1967 begann der Widerstand gegen das Kraftwerksprojekt in der Breitenau in Molln. Der Steyr Fluss sollte ausgeleitet und in die Enns übergeleitet werden. Trotz einer 2/3 Mehrheit gegen das Kraftwerksprojekt bei einer Volksabstimmung in Molln wurde mit der Errichtung des Kraftwerkes begonnen. 1972 wurde das Bauvorhaben durch den Verfassungsgerichthof gestoppt. Der Verein „Rettet das Steyrtal“ startete daraufhin ein Volksbegehren, nach zähem Ringen wurden die Pläne Pumpspeicherkraftwerk Breitenau/Molln 1976 eingestellt.

Rettet das Hintergebirge!

Das nächste Großprojekt lässt nicht lange auf sich warten. Wieder ist es die Ennskraftwerke AG, die neuerlich die „AG Hintergebirge“ auf den Plan ruft und zur Gründung der „Basisgruppe - Schützt das Hintergebirge“ führt. Diesmal soll ein Kraftwerk im Reichraminger Hintergebirge entstehen. Während die erste Staumauer in den Kalkalpen genehmigt wird, läuft nahezu zeitgleich auch in den Donau-Auen der Baubeginn des Kraftwerks bei Hainburg an. Was folgt ist die öffentlichkeitswirksame Besetzung der Au und die erfolgreiche Abwehr des Großprojekts. In den Kalkalpen läuft parallel dazu nahezu dieselbe Geschichte ab. Man lernt voneinander und man lernt aus der Vergangenheit, wo bereits zwei Regionen vorgemacht haben, wie man solchen Großprojekten ein für alle Mal den Wind aus den Segeln zu nehmen vermag. Die Antwort, sie lautet: Nationalpark.

So reicht man bereits Anfang der 80er-Jahre die Idee eines Nationalparks in den oberösterreichischen Kalkalpen als Alternative zum geplanten Kraftwerk herum. Nahezu zeitgleich initiiert man sowohl in den Donau-Auen als auch in den Kalkalpen leuchtende Protestaktionen, um die Kraftwerkspläne abzuwehren. Zwar scheitern die Hintergebirgs-Demonstranten mit ihrem Versuch die Bundesregierung im Stadtsaal von Steyr „einzusperren“, dennoch verfehlt die Aktion ihre durchschlagende Kraft in der medialen Breitenwirkung nicht. Die Aktion dringt bis nach Linz vor: An der Nibelungenbrücke prangert der Schlachtruf „Rettet das Hintergebirge“ auf einem dort angebrachten Transparent.

Menschen stehen auf einem Berg.
(c)Franz Sieghartsleitner

 

 

Umweltministerin Dr. Marlies Flemming unterstützt mit jährlichen Bundesfördermitteln das Zustandekommen des oö. Nationalparks und versucht gemeinsam mit (v.l.n.r.) LH von OÖ Dr. Josef Ratzenböck, DI Dr. dhC Vizekanzler Josef Riegler und Landwirtschaftsminister Dr. Franz Fischler Grundbesitzer und Bauern in Hinterstoder für die Nationalparkidee zu begeistern.

"Das Kraftwerk ist gestorben!"

Indes attestiert der damalige Handelsminister Norbert Steger dem Kraftwerk eine fehlende Wirtschaftlichkeit, die Kraftwerksallianz setzt dessen ungeachtet zum Baubeginn an. Die Besetzung der Donau-Auen ist kein Jahr her und so schließen sich die unterschiedlichen Aktions- und Arbeitsgemeinschaften zum letztmöglichen Akt der Entrüstung zusammen: Geschlossen besetzen sie das Hintergebirge, bis die Ennskraftwerke unter dem Druck der Öffentlichkeit - wie wohl auch jenem der Wirtschaftlichkeit - ihr Projekt schließlich zurückziehen. Gedankt wird es den couragierten Besetzern nicht. Viele von ihnen werden wegen Besitzstörung rechtskräftig verurteilt.

 Ende der 80er-Jahre befinden sich die Donau-Auen bereits in der praktischen Umsetzung des geplanten Nationalparks, als endlich auch in den Kalkalpen mit der „Mollner Erklärung“ lautstark ein Nationalpark eingefordert wird. Josef Ratzenböck, damaliger Landeshauptmann von Oberösterreich, quittiert diese Forderung unmittelbar mit konkreten Plänen zur Schaffung eines Nationalparks und verkündet feierlich: „Damit ist das Kraftwerk endgültig gestorben!“

Zwei Menschen halten Urkunden in der Hand.
(c)Nationalpark Kalkalpen

 

 

Im Jänner 1997 wurde am Kirchplatz in Großraming der Staatsvertrag zwischen der Republik Österreich und dem Land Oberösterreich zur Errichtung und dem Betrieb des Nationalpark Kalkalpen unterzeichnet.

Am Bild sieht man links den ehem. Umweltminister Dr. Martin Bartenstein und rechts den ehem. Landeshauptmann von OÖ Dr. Josef Pühringer.

Ein Nationalpark mit Urwald

Es bleibt nicht bei diesen Lippenbekenntnissen. 1990 nimmt die eigens eingerichtete Planungsstelle offiziell ihre Vorbereitungsarbeiten für einen Nationalpark Kalkalpen auf, zugleich gründet sich der Verein Nationalpark Kalkalpen. Und dann ist es soweit: Wieder aufs Jahr genau zeitgleich mit dem Nationalpark Donau-Auen wird das Nationalparkgesetz für einen Nationalpark Kalkalpen im oberösterreichischen Landtag beschlossen. Die Eröffnung erfolgt im Folgejahr 1997 - ebenso wie die Unterzeichnung des Staatsvertrags gemäß Artikel 15a B-VG zwischen Bund und Land. Die Alpenrepublik hat damit ihren vierten Nationalpark.

Die internationale Anerkennung der IUCN lässt nicht lange auf sich warten: Sie wird den Kalkalpen bereits 1998 zuteil. Weitere wichtige Meilensteine in der Geschichte des Nationalparks sind zwei Flächenerweiterungen 2002 und 2003, die Erklärung der Kalkalpen zum Natura 2000- und Ramsar-Gebiet im Jahr 2004 und schließlich 2017 die Erklärung der Buchenwälder (Urwald Rothwald) im Nationalpark zum UNESCO-Weltnaturerbe. Mit dieser Auszeichnung hat Österreich nun auch sein erstes Weltnaturerbe erhalten.

 

Text: Christina Geyer

 

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 Mehr zum Thema Naturschutzgeschichte im sechsten Teil: „Nationalpark Thayatal. Harte Grenze, Grünes Band.“

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Viele Personen stehen zusammen und halten eine Europakarte hoch.
(c)Nationalpark Kalkalpen

Krakau, Juli 2017
Auszeichnung der alten Buchenwälder und Buchenurwälder im Nationalpark Kalkalpen zum ersten Weltnaturerbe Österreichs

 
 

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