Nationalparks Austria - Teil 1

Eine Geschichte
im Wandel der Zeit

Die Entstehung der österreichischen Nationalparks ist von einer großen Gemeinsamkeit getragen: In allen sechs Fällen hat man mit der Gründung der Nationalparks auf drohende Eingriffe in Naturlandschaften reagiert. Es ist vielen einzelnen Bürgerbewegungen und Persönlichkeiten zu verdanken, dass der Schutz dieser Regionen gelungen ist - mit durchaus originellen Maßnahmen. Die Nationalparks sind das Ergebnis dieser geglückten Aktionen. Wir unternehmen den Versuch einer chronologischen Erzählung. Von der Erfindung des Naturschutzes, seiner Veränderung im Wandel der Zeit und der Gründung unserer Nationalparks.

Teil 1 der siebenteiligen Blog-Serie zur Nationalparkgeschichte Österreichs.

Berge im Sonnenschein
(c)Andreas Hollinger

Vom Schutz des Schönen zur Naturschutzbewegung

Land der Berge, Land am Strome. Bereits in der Bundeshymne stimmt man ein Hohelied auf die Natur an. Nicht ohne Grund: Sie ist zentrales Urlaubsmotiv für ausländische Touristen und identitätsstiftendes Element für die Bevölkerung. Man ist stolz auf die heimische Natur - und bemüht sich darum sie zu schützen. Immerhin knapp 1.500 Schutzgebiete finden sich im kleinen Österreich, darunter sechs Nationalparks. Naturschutz ist aber keine Selbstverständlichkeit, sondern eine relativ junge Erfindung: Er ist ein Kind der Moderne.

Naturschutz - eine Erfindung des 19. Jahrhunderts

Wenn wir von Naturschutz sprechen, stellt sich zunächst einmal die Frage, welche Natur wir schützen wollen. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn allein für „Natur“ gibt es zig verschiedene Definitionen und Bedeutungen. Eine „unberührte“ Natur gibt es in Mitteleuropa ohnedies kaum noch. Der Mensch wirkt seit jeher auf die Landschaft ein. So sehr uns die Idee einer wilden, „unberührten“ Natur auch gefallen mag: Vielerorts ist das, was uns als „Natur“ erscheint, Ergebnis von menschlicher Gestaltung. Viele Tiere und Pflanzen gibt es überhaupt nur, weil der Mensch gestaltend eingegriffen hat - man denke nur an den Artenreichtum traditioneller Almlandschaften. Er ist es, der in eine einst geschlossene Walddecke neue Lebensräume geschlagen hat. Das gilt es zu bedenken, wenn man an die Anfänge des Naturschutzes rührt. Im auslaufenden 19. Jahrhundert ist Naturschutz daher auch eine wichtige kulturelle Aufgabe.

„Der“ Naturschutz existiert ebenso wenig wie „die“ Natur. Es gibt verschiedene Herangehensweisen: einen „ästhetisch-statischen“ Naturschutz, der gefällige Landschaften zu bewahren sucht, einen „ökologisch-statischen“, der nicht zwingend nur „schöne“, sondern auch ökologisch wertvolle Landschaften einschließt - und schließlich den heute populären „ökologisch-dynamischen“ Naturschutz, der Natur als eine fortlaufende Veränderung begreift. Die Geschichte des Naturschutzes ist eine Geschichte des Menschen und seines Umgangs mit Natur im Wandel der Zeit. Auch die Entstehungsgeschichte der sechs österreichischen Nationalparks erzählt vom Einsatz des Menschen.

Im 19. Jahrhundert entsteht in Reaktion auf die Industrialisierung der Naturschutz in Österreich. „Unberührt“ ist die Natur auch damals nicht, denn der Mensch gestaltet die Landschaft seit Anbeginn seiner Zeit. Sie diente ihm bereits als Jagdrevier, Bewegungsraum, Nahrungsreserve und schließlich als Ackerland. Bis zur Industrialisierung aber gibt es keine Traktoren und keine Maschinen, der Mensch bestellt das Land aus eigener Kraft mit vergleichsweise primitivem Werkzeug. Das ändert sich nun schlagartig: Technologisierung, Modernisierung und Urbanisierung rufen die ersten Naturschützer auf den Plan. Sie wollen schöne, gefällige Landschaften bewahren. Es geht ihnen in erster Linie um den Erhalt einer „schönen“ Natur, weniger einer ökologisch „wertvollen“. Natur soll sich bestenfalls nicht verändern, sondern bleiben wie sie ist: gefällig, inspirierend, romantisch. Das Naturbild des 19. Jahrhunderts wird daher nicht nur als ein „ästhetisches“ bezeichnet, sondern auch als ein „statisches“. Schützenswert erscheint dem Menschen von damals eine Natur, die seinem Wohlgefallen dient - und nicht unbedingt eine Natur, deren Wert sich aus ihr selbst schöpft.

 

Ein Seitenarm der Donau mit Totholz im Wasser.
(c)Stefan Leitner

Erste Gesetze und Schutzgebiete 

Die ersten gesetzlich verankerten Blüten treibt der Naturschutz in Österreich in den 1850er Jahren. Erstmals finden sich in einem Gesetzesblatt Bestimmungen, die als Naturschutz bezeichnet werden können - wiewohl sie in erster Linie vor allem der Sicherung einer nachhaltigen Holzproduktion dienen sollten. Im Reichsforstgesetz heißt es unter anderem: 

 

„Die eigenmächtige Verwendung des Waldgrundes zu anderen Zwecken ist (…) zu  bestrafen. Die betreffenden Waldtheile sind (…) wieder aufzuforsten. 
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Kein Wald darf verwüstet werden. 
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Gemeinwälder dürfen in der Regel nicht vertheilt werden.“ 

(Forstgesetz, 1852) 

 

Ein gutes Jahrzehnt später folgen weitere Gesetze. Sie konzentrieren sich im Geist des klassischen Artenschutzes auf spezifische Arten, etwa das Edelweiß. 1872 entsteht dann der erste Nationalpark der Welt. Allerdings nicht in Österreich, sondern in Amerika mit dem Yellowstone National Park. Diese Idee verbreitet sich von dort aus über die ganze Welt, ab 1909 - mit Startschuss in Schweden - auch in Europa. Heute gibt es in nahezu jedem europäischen Land zumindest einen Nationalpark. Finnland führt die Riege mit 40 Nationalparks an.

In Österreich verdichtet sich der Naturschutz indes allmählich zu einer Bewegung. Seine Anfänge sind wesentlich mit dem Namen Adolf von Guttenberg verknüpft, der mit dem Verein Naturschutzpark 1912 die Keimzelle der österreichischen Naturschutzbewegung begründet. Schon damals träumt man von eigenen Großschutzgebieten, inspiriert von der amerikanischen Nationalpark-Idee. Guttenberg umreißt für die Alpenvereins-Zeitschrift eindrucksvoll den Naturschutz seiner Zeit:   

„Sowohl das Wort als auch der Begriff Naturschutz sind erst in neuester Zeit geprägt  worden. Früher lag kein Anlaß dazu vor, denn es bestand nicht, wie heute, (…) eine Gefahr  für die Erhaltung der Natur; der Naturzustand hatte neben der Kulturentwicklung des  Menschen noch hinreichend Raum. (…) Erst nach und nach lernte er die Natur zu  beherrschen und sie seinen Zwecken dienstbar machen. (…) Der Mensch beherrscht  heute die Natur in weitgehendem Maße. (…) Jeder Herrscher hat aber die Pflicht, die von  ihm Beherrschten auch zu beschützen und schon in diesem Sinne dürfen wir den  Naturschutz als eine Pflicht (…) bezeichnen“ 

(Adolf von Guttenberg, 1913. Zeitschrift des Deutschen & Österreichischen Alpenvereins) 

Berge und ein Bach
(c)Stefan Leitner

Zwischen Weltkrieg und Wirtschaftsboom

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Monarchie zwingen die Jahre der Entbehrung zu einschneidenden Eingriffen. Das Volk hat Hunger, es braucht Brennholz - und so fallen Teile der Aulandschaft der Erschließung von Ackerland zum Opfer, Wälder werden gerodet. Zeitgleich erstarkt die Naturschutzbewegung. Allmählich wandelt sich das Naturbild von einem ästhetischen zu einem auch ökologischen. Natur erscheint allmählich schützenswert, weil sie Natur ist - und nicht etwa, weil sie nur besonders „schöne“ Natur ist. Der klassische Arten- und Naturdenkmalschutz wird für diese neue Vorstellung von Naturschutz zu eng. Man will nicht mehr nur einzelne Arten, Bäume, Felsen schützen, sondern weitläufige, zusammenhängende Gebiete. Der Ökosystemschutz entsteht.

Zum ersten Mal hält man „Naturschutz“ dezidiert in der österreichischen Gesetzgebung fest. 1924 entsteht in Niederösterreich das erste Naturschutzgesetz des Landes. Ende der 20er Jahre nimmt mit der Eröffnung des Internationalen Büros für Naturschutz in Brüssel der internationale Naturschutz seinen Anfang. Das Büro ist der Vorläufer der heutigen Weltnaturschutzunion IUCN. Der Zweite Weltkrieg friert mit einem Schlag alle Bemühungen ein. Das Reichsnaturschutzgesetz wird zum Feigenblatt für weitreichende Eingriffe in die Landschaft. So bemüht man sich zwar im Zeichen des „Naturschutzes“ um eine Begrünung der Reichsautobahnen zur „Eingliederung“ in die umliegende Landschaft, erdrückend aber ist der Einfluss von Modernisierung und Kriegswirtschaft auf die Bodennutzung. Ein nennenswertes Lebenszeichen gibt der Naturschutz im Zweiten Weltkrieg von sich, als Gebiete der Hohen Tauern in Salzburg zum alpinen Landschaftsschutzgebiet und die Donau-Auen zum Reichsjagd- und Naturschutzgebiet erklärt werden.

Ein Fluss im Wald.
(c)Stefan Leitner

Wiederaufbau und Protest

Der Zweite Weltkrieg wirft noch lange Schatten über die Zeit nach 1945. Naturschutz findet zwischen Wiederaufbau, der Suche nach einer neuen nationalen Identität und wirtschaftlichem Aufschwung erst einmal keinen Platz in der Gesellschaft der Nachkriegszeit. Die Landwirtschaft wird sukzessive mechanisiert und intensiviert, natürliche Refugien fallen ihr ebenso zum Opfer wie artenreiche Kulturlandschaften. Landschaft wird einer neuen Logik unterworfen: Man will ihre Nutzung intensivieren - auf Kosten verschiedenartiger Lebensräume. Landschaft soll „gleicher“ werden, ihre Bewirtschaftung einem McDonalds-Prinzip unterordnen. Möglichst viel, möglichst gleich, möglichst kalkulierbar. Masse macht billig. Erstmals in der Geschichte der Kulturlandschaft schwindet die Standortvielfalt in Mitteleuropa. An ihre Stelle tritt eine immer gleichförmigere, expansive Landwirtschaft unter Verwendung von Herbiziden und Pestiziden, die den heute noch vielbeklagten Artenschwund einläutet.

Die Jahre der Entbehrung begünstigen den Trend. Etwaige Folgen für eine über Jahrtausende gewachsene Landschaft werden der Nahrungsversorgung eines ausgezehrten, hungernden Volks untergeordnet. In erster Linie soll die Wirtschaft florieren, nicht der Naturschutz. Der Bau der Kraftwerksgruppe Kaprun wird wieder aufgenommen, die neu gegründete Donaukraftwerke AG erinnert sich der Pläne von 1948 zur Errichtung einer durchgängigen Kraftwerkskette entlang der Donau, im Gesäuse werden Kraftwerk und Stausee errichtet. Angesichts einer immer dichter geknüpften Abfolge von Großprojekten regt sich allmählich Widerstand in der Bevölkerung. Mit Erfolg. In den Hohen Tauern kann die Erweiterung der Großglockner Hochalpenstraße mit Seilbahnprojekt im Schlepptau ebenso verhindert werden wie eine Ableitung der Krimmler Ache durch einen Stollen zum Kraftwerk Gerlos im Zillertal. Auch in den Donau-Auen und am Neusiedler See wird protestiert. Hier gegen den geplanten Ausbau des Ölhafens in der Lobau, dort gegen den Bau einer gigantischen Brücke quer über den See. Da wie dort: man ist erfolgreich.

Schließlich erkennt man, dass der Wirtschaftsboom der Nachkriegszeit auch Einfluss auf einen jungen, äußerst vielversprechenden Wirtschaftszweig übt: den Tourismus. Die Gäste kommen der österreichischen Natur wegen, sie wollen einen Blick in die Berge, nicht auf ein Kraftwerk. Vermarkten lässt sich das Land mit unberührter Natur, ihre Verbauung und Erschließung hingegen erscheint - zumindest einigen Vertretern von Politik und Wirtschaft - nun auch als Hemmschuh.

In diesem Licht dient Naturschutz dem Erhalt von Erholungslandschaften für begüterte Touristen. Einmal mehr nutzt man ihn als Mittel zum Zweck. Seine Fürsprecher mögen aus unterschiedlichen Motiven ihre Stimme erheben, in der Sache aber sind sie geeint. Eine kritische Masse entsteht, nicht nur in Österreich. Naturschutz kann nun auch international nicht länger ignoriert werden. Eine neue Ära steht bevor: Der Naturschutz wird institutionalisiert.

Ein Blick auf einen See bei Sonnenschein.
(c)Stefan Leitner

Die Nationalparks entstehen

Bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bildet sich das „Internationale Büro für Naturschutz“ (1928) zur Weltnaturschutzunion IUCN um. Mit ihr entsteht die erste internationale Organisation, die globale Standards für Naturschutz vorgibt. Heute zertifiziert sie Schutzgebiete auf der ganzen Welt. Die IUCN ist der Goldstandard, wenn es um die Zertifizierung von Schutzgebieten mit internationaler Gültigkeit geht. Auch die sechs österreichischen Nationalparks tragen das IUCN-Siegel (Kategorie II) und sind damit überall auf der Welt anerkannt. Spätestens in den 1980er Jahren kommt der Naturschutz dann im kollektiven Bewusstsein der österreichischen Bevölkerung an. Es ist gerade der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit, der daran teilhat. Man wehrt sich gegen seine Auswirkungen: das Verbauen von Naturlandschaften, Regulieren von Flüssen und Errichten von Kraftwerken.

Mit dem Erstarken der Naturschutzbewegung ändert sich auch das Naturbild des Menschen noch einmal. Naturschutz soll nicht mehr länger nur konservieren, sondern auch Veränderungen zulassen. Ein Paradigmenwechsel wird eingeläutet: Naturschutz ist nicht mehr nur „klassisch-konservierend“, sondern „dynamisch-innovativ“. Mit dieser neuen Brille blickt man auf eine Natur, die fortan um ihrer selbst willen als schützenswert scheint - und nicht mehr nur, weil sie „schön“ und/oder ökologisch wertvoll ist. Natur soll sich verändern dürfen, sie soll ebenso zerstören wie sterben dürfen - aber natürlich auch: wiederauferstehen. Der „dynamisch-innovative“ Ansatz stößt im Naturschutz neue Ideen und Konzepte an. Man spricht von Wildnis, Prozessschutz, Störungsökologie und Sukzession. Diese neuen wie radikalen Ideen läuten nun auch das goldene Zeitalter der Nationalparks ein. Mit ihnen ist man bereits tief ins zentrale Nervensystem der Nationalpark-Logik vorgedrungen.

 

Text: Christina Geyer

 

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Mehr zum Thema Naturschutzgeschichte im zweiten Teil: „Nationalpark Hohe Tauern. Der Erste seiner Art.“ 

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Ein Fluss im Wald mit Nebel.
(c)Stefan Leitner

 
 

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