Rangergeschichte

Magische Momente
im Buchenwald

Jahrhundertealte Buchenwälder sind heute überaus rar und zählen zu den Besonderheiten des Nationalpark Kalkalpen. Am Buchensteig bringt Rangerin Maria Laussamayer (Kalkalpen) ihren Besuchern den einzigartigen Waldlebensraum mit besonderer Fauna, Flora und Aura näher.

(c)Maria Laussamayer

Kurz vor dem UNESCO-Weltnaturerbe

Die fein konstruierte Hängebrücke schwankt unter unserem kollektiven Gewicht. Wir stehen mitten über dem wunderbaren Großen Bach, der immer noch fließt – zum Glück. Ich erzähle von der legendären Besetzung des Hintergebirges 1984 im Kampf gegen das geplante Speicherkraftwerk. Am Handy das Foto eines Transparents, das bei mir am Dachboden die Zeit überdauert hat. „Zerstört nicht alles, unsere Kinder brauchen auch Natur“, steht in großen, farbigen Lettern auf dem einfachen Leintuch. Schon die damaligen Aktivisten besaßen die unbedingte Überzeugung, wie besonders und schützenswert das Reichraminger Hintergebirge ist. Und sie behielten recht. Es ist mit ihr Verdienst, dass wir hier, gleich nach der Brücke, die Grenze zum UNESCO-Weltnaturerbe „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder“ überschreiten können. Eine Metalltafel am Boden weist darauf hin. Sie hat die Form eines Buchenblattes.

(c)NPKA Maria Laussamayer
(c)NPKA Maria Laussamayer

Fragen über Fragen

Ich bin am Buchensteig unterwegs, mit zwei Familien aus der Stadt, die das neue Angebot „Book a Ranger“ nutzen. Mit dabei ein unglaublich wissbegieriger Elfjähriger. Eine Frage jagt die nächste, sprudelsprudel ... schön, ich freue mich immer, viel gefragt zu werden. Seine Schwester im Teenageralter dagegen verzieht da schon mal genervt das Gesicht. Aber es sind spannende Fragen, auch von den Erwachsenen. Warum sind diese Gesteine hier so runzelig? DAS sind Schwarzspecht-Spuren?? Wo sind die Luchse, wie viele leben hier? Buchenwälder sind ja eigentlich nicht selten, oder? Doch – alte, naturbelassene schon! Wir wandern durch unterschiedliche Buchenwaldtypen, in manchen Bereichen sind die Bäume 250 Jahre alt. Das ist tatsächlich sehr besonders – und selten, denn der Großteil der Wälder in Europa ist Wirtschaftswald, wo die meisten Bäume kaum 100 Jahre alt werden dürfen. Im Nationalpark Wald bestimmt die Natur, wie alt ein Baum wird, nicht der Mensch. Auch das viele Totholz – stehend, liegend, frisch, halb oder ganz verrottet – beeindruckt. Einer der Väter, mehr zu sich selbst: „Woah, ich wusste nicht, dass in einen „richtigen“ Wald so viel totes Holz gehört. Jetzt verstehe ich, wie wichtig das für das Ökosystem Wald ist“. Der Nationalpark Kalkalpen beherbergt auch die älteste Rotbuche des Alpenraums – sie zählt stolze 550 Jahre.

Unseren Weg säumen viele imposante „Charaktertypen“, knorrige und mächtige. Der Wald insgesamt strahlt Kraft, Ruhe und Zeitlosigkeit aus. Für mich ist es ein erhebendes Gefühl, ich empfinde tiefe Freude über diese Ursprünglichkeit und fühle mich hier besonders mit der Natur verbunden. „Die Seele wird vom Pflastertreten krumm. Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden und tauscht bei ihnen seine Seele um.“ Diese Verse haben mich schon als Kind fasziniert und seither begleitet. Kann ich meinen Städtern eine andere Wahrnehmung ermöglichen, ein Gefühl dafür, dass wir alle ein Teil der Natur, Teil des Ganzen sind? Nur daraus kann Wertschätzung für Natur und ihren Schutz entstehen; und genau dies zu vermitteln, ist mein großes Anliegen, meine immerwährende Herausforderung als Rangerin.

(c)NPKA Maria Laussamayer
(c)NPKA Maria Laussamayer

Der Kreislauf des Lebens

Ich ernte schon ein paar skeptische Blicke, als ich sie einlade, alleine auszuschwärmen, für sich einen besonderen Platz zu finden und für eine Weile den Wald in Stille zu spüren. Wer möchte, kann die Augen schließen – so „sieht“ man besonders gut. Mein Signal zur Rückkehr: Der typische Ruf des Weißrückenspechts, der hier in den alten Buchenwäldern das reinste Paradies vorfindet. Die Pfiffe hallen weithin durch den Wald. Ruhig und entspannt kommen alle retour, die sinnliche Stimmung ist greifbar, da schlägt der Elfjährige plötzlich Wirbel: Er hat am Rückweg ein vermoostes Rehskelett entdeckt! Na, nix wie hin! Und genau hier und jetzt bahnt sich ein Sonnenstrahl durch das dichte Blätterdach seinen Weg auf den Waldboden, auf dieses Zeugnis des ewigen Kreislaufs. Ein magischer Moment für uns alle.

Viele Farben, Düfte, Spuren und lustige Pflanzennamen begegnen uns noch, während wir weiterwandern. Aber was ich mir für heute gewünscht habe, ist bereits in Erfüllung gegangen.

 

Text: Maria Laussamayer

 
 

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