Nationalparks Austria - Teil 4

Eine Besetzung
mit Wirkung

Die Entstehung der österreichischen Nationalparks ist von einer großen Gemeinsamkeit getragen: In allen sechs Fällen hat man mit der Gründung der Nationalparks auf drohende Eingriffe in Naturlandschaften reagiert. Es ist vielen einzelnen Bürgerbewegungen zu verdanken, dass der Schutz dieser Regionen gelungen ist - mit durchaus originellen Maßnahmen. Die Nationalparks sind das Ergebnis dieser geglückten Aktionen. Wir unternehmen den Versuch einer chronologischen Erzählung. Von der Erfindung des Naturschutzes, seiner Veränderung im Wandel der Zeit und der Gründung unserer Nationalparks. Teil 4 der siebenteiligen Blog-Serie zur Naturschutzgeschichte Österreichs: Die Entstehung des Nationalparks Donau-Auen.

Ein Seitenarm der Donau mit Totholz im Wasser.
(c)Stefan Leitner

Nationalpark Donau-Auen

Der letzte Nationalpark aus der Zunft der „ersten Drei“ ist der Nationalpark Donau-Auen. Er schützt einen der letzten natürlichen Flussabschnitte der Donau. In Österreich hat man bereits im auslaufenden 19. Jahrhundert mit ihrer Regulierung begonnen und damit eine grundlegende Veränderung der Flussdynamik ausgelöst. Die Donau wird begradigt und zwischen befestigte Ufer gezwängt. Damit schneidet man die umliegenden Auen von ihr ab - auch bei Wien, wo die Donau nun nicht mehr länger über ihre Ufer treten und die Auen überspülen kann. Die Folge: Die Auen verlanden - und sterben. Aber man richtet in dieser Zeit auch einen Wald- und Wiesengürtel rund um Wien ein. Ihm gehört die Lobau an, die heute Teil des Nationalparks ist.

In den Zwischenkriegsjahren wird eben diese Lobau zum beliebten Ausflugsziel der Wiener, immerhin liegt sie keine Stunde vom Zentrum entfernt. Zugleich zwingen die Notjahre nach dem Ersten Weltkrieg zu drastischen Eingriffen in die Naturlandschaft. Die Au muss vielerorts weichen, um Ackerland zu erschließen. Auch Wälder werden großflächig abgeholzt, nichts sonst hat man zu verheizen. Das und der Besucherdruck veranlassen die Fachstelle für Naturschutz schließlich zu Forderungen nach Banngebieten in der Lobau, 1926 erlässt man eine Zugangsbeschränkung. Die Untere Lobau wird zum Naturschutzgebiet erklärt und wandert in den Besitz der Gemeinde Wien über. Dessen ungeachtet entsteht unmittelbar darauf ein Ölhafen in der Lobau und man setzt zum Bau des (bis heute unvollendeten) Donau-Oder-Kanals an. Weite Teile der Au bei Wien werden zur Industriezone.

Karte Wasserkraftwerksstandort Hainburg
(c)Archiv NPDA
Standorte der Lager der Aubesetzung in Stopfenreuth
(c)Archiv NPDA

Ein Kraftwerk in Hainburg

Nach dem Zweiten Weltkrieg entsteht die Österreichische Donaukraftwerke AG. Ihr Zweck: die Errichtung einer durchgängigen E-Kraftwerkskette entlang der Donau. Anfang der 50er-Jahre beginnt man mit dem Bau des ersten Kraftwerks an der deutsch-österreichischen Grenze, auch ein Kraftwerk bei Hainburg in den Donau-Auen ist für den Vollausbau bereits vorgesehen. Es wird die Initialzündung für eine erste breite Naturschutzbewegung in Österreich sein. Ihr Ergebnis: der Nationalpark Donau-Auen.

Die Nachkiegszeit bringt große Infrastrukturprojekte mit sich. Die reichen Wasservorkommen Österreichs sind dabei besonders interessant: Man will die Wasserkraft zur Energiegewinnung nutzen - auch in den Donau-Auen. In den 1970er-Jahren nimmt die Dynamik an Fahrt auf: Eine Bürgerinitiative gründet sich gegen die Errichtung des lange vorgesehenen Kraftwerks bei Hainburg. Es würde dem Vollausbau der Donau-Staukette besiegeln und einen bereits offen eingeforderten Nationalpark verunmöglichen. Obgleich die Donau-March-Thaya-Auen in weiterer Folge zum Landschaftsschutzgebiet und etwas später zum Ramsar-Gebiet erklärt werden, bekräftigt die Donaukraftwerke AG ihr Bauvorhaben bei Hainburg.

Ein schicksalhaftes Jahr bricht an: 1984 wird die Zukunft der Donau-Auen besiegeln. Die Bürgerinitiative gegen das Kraftwerk erhält endlich öffentlichkeitswirksame Unterstützung. Der WWF und diverse Medien thematisieren den geplanten Kraftwerksbau und sensibilisieren damit erstmals eine breite Masse an Bürgern für die Anliegen der Naturschützer in der Au. Die „Pressekonferenz der Tiere“ ist nur eine von vielen Aktionen, die der Debatte weiter Vorschub leistet. Zunächst aber beginnt die Donaukraftwerke AG mit der konkreten Vorbereitung des Kraftwerks. Erforderliche Bescheide werden im Eilverfahren erteilt und unter fragwürdigen Bedingungen genehmigt - ein Affront für all jene, die sich vehement gegen dieses aussprechen.

©Golebiowski-Navara

Die Besetzung der Au

Bald finden sich mehrere tausend Naturschützer in der Stopfenreuther Au ein und halten sie besetzt. Man will damit den Baubeginn des Kraftwerks verhindern. Einen Wendepunkt in der Bewegung markiert ein höchst umstrittener Polizeieinsatz im Dezember 1984. Die Au soll geräumt werden, der Hainburg-Konflikt eskaliert. Die Polizisten gehen mit Schlagstöcken und Wasserwerfern gegen die Aubesetzer vor, für die Rodung vorgesehene Waldgebiete sichert man mit Stacheldrahtrollen. Die Medien werden von diesem Tag als „Schande von Hainburg“ (Kronen Zeitung) und dem „blutigen Advent in der Au“ (ORF) berichten. Nun erhalten die Aubesetzer Unterstützung aus Wien: 40.000 Menschen ziehen durch die Stadt und zeigen sich solidarisch mit den Anliegen der Naturschützer.

Der Druck auf die Regierung wächst und veranlasst sie zunächst zur Verfügung des sogenannten „Weihnachtsfriedens“. Erst einmal steht nun alles still in der Au. Indes präsentiert man das Ergebnis eines Volksbegehrens: Über 350.000 Unterzeichner sprechen sich in diesem Konrad-Lorenz-Volksbegehren gegen ein Kraftwerk und für einen Nationalpark in den Donau-Auen aus. Die Regierung gibt dem öffentlichen Druck schließlich nach, der Verwaltungsgerichtshof hebt den Wasserrechts- und Rodungsbescheid wegen Verfahrensmängeln auf. Das geplante Kraftwerk bei Hainburg ist erst vereitelt worden. Und doch: Bis zur Errichtung des Nationalparks ist es noch ein langer Weg.

Unmittelbar nach der Präsentation des Volksbegehrens beschließt die Bundesregierung ein Elf-Punkte-Programm, das sich mit der Errichtung eines Nationalparks in den Donau-Auen auseinandersetzt. Man setzt eine Ökologiekommission ein, die 1985 ein erstes Konzept für diesen Nationalpark vorlegt. Doch auch an der Umsetzung neuer Kraftwerkspläne wird eifrig gearbeitet. So bedarf es einer weiteren Aktion, um den bevorstehenden Verkauf von über 400 Hektar Auenlandschaft für den Bau eines Kraftwerks zu verhindern. Mit der Aktion „Natur freikaufen!“ trommelt der WWF 1989 zum Freikauf der betroffenen Flächen bei Haslau und Regelsbrunn. Mit Erfolg. 1996, just im Jahr der Nationalparks, ist es dann nach langem Ringen soweit: Die Landtage beschließen das Nationalparkgesetz, wiewohl die Donau-Auen darin noch nicht explizit angeführt sind. Noch im selben Jahr wird dann aber der Staatsvertrag zur Errichtung des Nationalparks Donau-Auen unterzeichnet. Bereits im Jahr darauf erfolgt die internationale Anerkennung durch die IUCN. Die Bundesländer Wien und Niederösterreich haben ihren ersten Nationalpark.

 

Text: Christina Geyer

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Mehr zum Thema Naturschutzgeschichte im fünften Teil: „Nationalpark Kalkalpen. Rettet das Hintergebirge!“

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