Ein Kratzer
in guter Erinnerung

Rangergeschichte

"Ich konnte dem Sperlingskauz genau in die Augen schauen. Doch er konnte auch mir direkt in die Augen schauen. Aug um Aug, Linse um Linse sozusagen. Diesen Anblick werde ich mein gesamtes Leben lang wohl nicht mehr so schnell vergessen ."

Seit 2003 ist Matthias Mühlburger Teil des Nationalpark Teams in den Hohen Tauern. Schon von klein auf interessierte er sich stark für die Singvögel in und um den Nationalpark Hohe Tauern und beschloss auch seine Diplomarbeit über einen der seltensten Singvögel Österreichs zu schreiben: den Steinrötel.
Seither ist er im Osttioler Nationalparkteam der Ansprechpartner, wenn es um ornithologische Angelegenheiten geht.

Der Ranger hält ein Fernglas in der Hand und blickt gen Himmel
(c) Mathaeus Gartner

Hilfe vom Ornithologen

So wandte sich einst unser Wildbiologe, Dr. Gunther Greßmann, mit einer Bitte an mich. Das Zedlacher Paradies, ein uralter Lärchenbestand oberhalb von Matrei gilt seit jeher als bekanntes Brutgebiet für Sperlingskäuze. Richtige Sichtungen bzw. Nachweise gab es aus dem urigen Lärchenwald jedoch schon längere Zeit nicht mehr.
Unser Wildbiologe Gunther und ich beschlossen der Sache, ob hier nach wie vor Sperlingskäuze beheimatet sind, auf den Grund zu gehen.
An einem kalten Februarmorgen, vor ca. 6 Jahren, starteten wir um 5 Uhr Richtung Wodenalm auf ca. 1.800 Meter Seehöhe. Dort fanden wir einen unserer Meinung nach geeigneten Standort.

Der mittelgroße Sperlingskauz hat eine tote Maus in den Krallen und sieht mit seinen gelben Augen in die Kamera
(c) NPHT

Eine Unvergessliche Begegnung

Es lag jetzt an mir, mir einen passenden Schirm zu suchen, um von den Sperlingskäuzen nicht gleich erkannt zu werden. Ich entschied mich für ein paar junge Fichten, nicht höher als 4 Meter und versteckte mich zwischen ihnen so gut es ging. Jetzt ging es los: Ich begann mittels Pfeifen den Lockruf zu imitieren. Keine zwei Minuten später konnte ich schon den ersten Sperlingskauz erblicken. In einer Fichtenkrone ca. 30-40 Meter vor mir saß er und versuchte herauszufinden, wo der Übeltäter ist, der ihm sein Revier streitig machen will.
Ich imitierte den Lockruf erneut. Der Sperlingskauz näherte sich noch weiter. Auf einer uralten Fichte, mittlerweile nur noch ca. 20 Meter entfernt ließ er sich auf einem Seitenast ca. 2-3 Meter über dem Boden nieder.
Langsam griff ich zu meinem Swarovski Fernglas – ich konnte dem Sperlingskauz genau in die Augen schauen. Doch er konnte auch mir direkt in die Augen schauen. Aug um Aug, Linse um Linse sozusagen. Diesen Anblick werde ich mein gesamtes Leben lang wohl nicht mehr so schnell vergessen dachte ich mir während es mir die Gänsehaut am gesamten Körper aufstellte – aber nicht, weil mir zu kalt war.

 

1:0 für den Kauz

Doch da wusste ich noch nicht, dass mir das eigentliche Highlight des Tages erst bevorstand.
Ich imitierte ein weiteres Mal den Lockruf. Immer noch den Feldstecher am Auge konnte ich beobachten, wie der Sperlingskauz seinen Platz am Fichtenast verließ und direkt auf mich zuflog. Der Sperlingskauz im Glas wurde immer größer und instinktiv ließ ich das Fernglas fallen, so dass es wieder um meinen Hals baumelte.

Gefühlt einen Sekundenbruchteil später spürte ich nur noch einen dumpfen Schlag in der Mitte meines „Hirnkastls“.

Völlig perplex von der Gesamtsituation musste ich mir erst einmal wieder einen Überblick über die Situation verschaffen - bis ich es kurz darauf realisierte: Ich wurde gerade von einem Sperlingskauz angegriffen. Gunther, welcher sich hinter einer alten Lärche wenige Meter weiter versteckte lachte mir schon entgegen. Ich fasste mir ins Gesicht und meine Hand war blutig rot. Ich begann zu lachen, weil die Gesamtsituation einfach so absurd war. Wir lockten danach noch 1-2x, doch den angriffslustigen Sperlingskauz bekamen wir nicht mehr zu Gesicht – er erschrak wohl genau so sehr wie ich.

Es war nur ein kleiner Kratzer, welcher nicht wirklich schmerzte. Nach wenigen Wochen war der Kratzer auf meiner Stirn schon wieder verschwunden.
Als ich am Vormittag dann im Nationalparkhaus Matrei wieder auf meine Rangerkollegen traf und diese Geschichte zum Besten gab war das Gelächter natürlich groß.

Heute, wieder voll und ganz verheilt, denke ich gerne an dieses einmalige Erlebnis zurück. Es gibt sicher nicht viele Personen, welche von sich behaupten könnten, einmal gegen einen Sperlingskauz „gekämpft“ zu haben. Gerne erzähle ich diese Anektode bei den ornithologischen und vogelkundlichen Wanderungen im Nationalpark Hohe Tauern.

Totholz
(c) NPHT
Stockausschlag im Nadelwald
(c) Gruber

 
 

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