Rangergeschichte

Blindflug -
barrierefrei unterwegs

Nationalpark Ranger Harald Nagl (Donau-Auen) berichtet über einen Nachmittag auf der Schlossinsel im schlossORTH Nationalpark Zentrum, an dem sein Seh-Sinn sich einmal ganz hinten anstellen musste.

Ranger Harald
(c)Harald Nagl

Einfühlung statt Einblick

Ich war schon immer ein Mensch, für den visuelle Wahrnehmung sehr wichtig ist. Etwas, das ich sehe, kann mich faszinieren oder abstoßen. Gesehenes prägt sich in mein Gedächtnis ein. Die Form, die Farbe, die Gestalt einer Pflanze, eines Tieres, eines Lebewesens jeder Art - auch der eigenen - die ich mit meinen Augen wahrnehme, verrät mir einiges über Lebensstil, Gewohnheiten, Überlebensstrategie und wie dasselbe mit meinem eigenen Leben korreliert.

Umso mehr hat es mich interessiert, als uns von Seiten des Nationalpark Donau-Auen die Möglichkeit geboten wurde, dass wir Rangerinnen und Ranger an einem Nachmittag auf der Schlossinsel - dem Freigelände des schlossORTH Nationalpark Zentrum - in die Welt der blinden und sehbehinderten Menschen Einblick, pardon, Einfühlung nehmen zu können. Eigens dafür geschulte Spezialistinnen und Spezialisten des Blinden- und Sehbehinderten Verbandes Österreich (BSVÖ) würden uns die Wahrnehmung von Menschen, denen der optische Sinn fehlt, näher bringen.

Also fanden wir uns am vereinbarten Tag im Turnierhof des Schlosses zusammen. Eine überschaubare Gruppe von Nationalpark Rangerinnen und Rangern und vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des BSVÖ sprachen mit uns zunächst darüber, warum dieses Treffen überhaupt stattfindet und wie es sich in etwa gestalten wird. Dass im letzten Jahr auf der Schlossinsel einiges neu konzipiert und einige Neuerungen installiert wurden ist dem aufmerksamen Ranger bzw. der aufmerksamen Rangerin natürlich nicht entgangen. Dass die Schlossinsel "barrierefrei" gestaltet werden würde, war schon länger im Gespräch. Warum "barrierefrei" nicht nur bedeutet, Treppen und Stufen für Menschen im Rollstuhl überwindbar zu machen, haben wir spätestens während dieser Veranstaltung verstanden.

An dieser Stelle darf ich mich aber als ein Mensch outen, dem diese Herausforderungen nicht ganz fremd sind. Nicht als Betroffener, aber als jemand, der im zweiten Job - neben dem Rangertum im Nationalpark Donau-Auen - bei einer Organisation angestellt ist, die Menschen mit Behinderungen in ihren Stärken unterstützt und fördert.

Menschen stehen in einem Kreis und man sieht nur ihren Rücken.
(c)Blindenverband

Blind auf der Schlossinsel

Nach kurzer Plauderei zum Thema „Sehbehinderung“ und Einführung in den Umgang mit dem Blindenstock bildeten wir also kleine Gruppen, um wechselweise der/die Geführte oder der/die Führende zu sein. Ausgerüstet mit Augenbinde, Blindenstock und einer begleitenden sehenden Person machten wir uns auf den Weg, die Schlossinsel neu zu entdecken. Der Plan war, Wege und Stationen der Schlossinsel neu zu erkunden.

Dass Informationen auch in Blindenschrift vorhanden sind, ist mir bislang nicht aufgefallen.

Es ist dazu zu sagen, dass wir Rangerinnen und Ranger die Schlossinsel eigentlich ganz gut kennen. Glauben wir zumindest. Ich hätte mich sicher zu dem Ausspruch: „Hier finde ich mich blind zurecht!“ hinreißen lassen, hätte ich nicht diese Erfahrung an diesem Nachmittag in den Iden des Märzes 2021 gemacht.

Schon das Führen will gelernt sein. Als die angenehmste Methode geführt zu werden, habe ich persönlich empfunden, wenn ich als blinder Mensch meine rechte Hand auf die linke Schulter des/der Führenden lege und etwas versetzt hinter ihm/ihr gehe. Doch auch hier hatte jeder/jede seine/ihre Präferenzen. Vertrauen ist eine Grundvoraussetzung. Unebenheiten im Boden, Stufen, bewegliche Hindernisse wie andere Personen müssen umschifft werden oder verbal so gut beschrieben werden, dass die nicht sehende Person sicher damit umgehen kann. Als nicht sehende Person habe ich den Blindenstock zu schätzen gelernt. Kann man mit ihm bei richtiger Handhabe doch Hindernisse, Unebenheiten, Distanzen ausloten und sich doch etwas sicherer fühlen. Etwas sicherer!
An eine räumliche Orientierung war erst einmal gar nicht zu denken. Doch – man will es kaum glauben – nach wenigen Minuten legte sich dieses Gefühl der Unsicherheit und ich lenkte meine Aufmerksamkeit doch auch auf andere Wahrnehmungen. Olfaktorischer Natur zum Beispiel. Nicht nur auf der (sehr differenziert wahrgenommenen) Schlossinselstation „Tod und Leben“, auf welcher man Organismen beim Zersetzen eines Tierkadavers beobachten kann. Nein, auch die weit erhebendere geruchliche Wahrnehmung der bereits blühenden Pflanzen, wie auch die Wahrnehmung der Beschaffenheit der gesamten Umgebung. Das bietet die Schlossinsel auch ohne besondere Einrichtungen für Besucherinnen und Besucher mit Sehbehinderung.

Anschauungsmaterial vom Biber welches man angreifen kann
(c)Blindenverband
Tastmodelle Fische
(c)Kurt Kracher

Fühlen und tasten

Streicheltiere haben wir keine auf der Schlossinsel. Doch was wir seit einiger Zeit haben, sind Modelle von Tieren, die das Begreifen (im wahrsten Sinne des Wortes) von morphologischen Besonderheiten verschiedener Tiere ermöglichen.

Zugegeben – auch als sehender Mensch wird einem die Unterschiedlichkeit und Anpassung von Tieren an ihre Umwelt durch das taktile Wahrnehmen weit bewusster gemacht, als durch die rein optische Wahrnehmung. Das Fell eines Säugetieres, die Haut eines Fisches – den Lebensbedingungen angepasst.

Auch die Digitalisierung hat auf der Schlossinsel Einzug gehalten. Bei einigen Stationen kann man durch das Einscannen eines QR-Codes umfangreiche verbale Informationen mittels Smartphone erhalten.

Wozu dann überhaupt der Ranger oder die Rangerin auf der Schlossinsel?

Nun ja – jemand muss den sehbehinderten Menschen ja zeigen, wo der QR-Code zu finden ist!

Spaß beiseite! Oder: Spaß und Spannung her!

Eben das mit unseren Gästen gemeinsame Erleben der Natur ist für mich als Ranger das Spannende! Durch die Aufrüstung der Schlossinsel des Nationalpark Donau-Auen wurden einige weitere Barrieren für Menschen mit Sehbehinderungen aus dem Weg geräumt. Das erachte ich als einen guten Schritt in die richtige Richtung und ich freue mich bereits auf die Gäste, die das Angebot von Spezialführungen für blinde Menschen und Menschen mit Sehbehinderung nutzen wollen. Damit dies bestmöglich umgesetzt werden kann, erarbeite ich derzeit gemeinsam mit einem meiner Kollegen ein Konzept, das darauf abzielt die Schlossinsel für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen besser erfahrbar zu machen.

 

Text: Harald Nagl

 
 

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