Nationalparks Austria

Naturschutz
im Nationalpark

(c) Max Mauthner

Nationalparks sind Aushängeschilder für den Naturschutz. So weit, so klar. Aber Naturschutz ist nicht gleich Naturschutz. Je nach Gebiet und Beschaffenheit nimmt er unterschiedliche Formen und Namen an. Da wie dort ist sein Ziel der Erhalt von biologischer Vielfalt. Seine Inseln sind die Schutzgebiete.

Österreich kennt verschiedene Schutzgebietskategorien, naturschutzrechtlich verordnet sind unter anderem Nationalparks, Europaschutzgebiete (Natura2000), Naturschutz- und Landschaftsschutzgebiete sowie Natur- und Biosphärenparks. Sie alle schützen natürliche Ökosysteme, die sich durch eine besondere biologische Vielfalt auszeichnen. Und derer gibt es in der kleinen Alpenrepublik nicht nur zahlreiche, sondern auch besonders vielfältige. Österreich hat Anteil an allen großen geomorphologischen Einheiten Europas: Hochgebirge, Mittelgebirge, Tiefland. Von den Hohen Tauern über die Kalkalpen und das Gesäuse bis hin zum Neusiedler See, den Donau-Auen und dem Thayatal sind vom Gebirge bis zur Steppen- und Auenlandschaft alle natürlichen Ökosysteme abgebildet.

 

So unterschiedlich diese Lebensräume sind, so divers sind auch ihre Bewohner. Österreich zählt europaweit zu den artenreichsten Ländern. Damit das so bleibt gibt es Schutzgebiete: Sie sichern den Lebensraum von Fauna und Flora und verwahren ihn vor menschlicher Erschließung. Gemessen an der Gesamtfläche des Landes entfällt zwar nur ein geringer Prozentsatz auf diese Schutzgebiete, sie sind nichtsdestotrotz essenziell für den Schutz der Artenvielfalt Österreichs. Man kann sie sich wie Inseln in einem Meer aus Autobahnen, Städten und Siedlungen vorstellen. Kleine Inseln zwar, aber dafür umso üppiger und reicher an Vegetation.

Inseln, die als solche eigentlich nicht geschützt werden müssten. Natur kommt gut ohne das Zutun des Menschen aus. So besehen sind Schutzgebiete weniger Schutz von Natur als vielmehr Schutz der Natur vor dem Menschen. Im Nationalpark darf sich das geballte Evolutionspotenzial der Natur ungehindert entfalten.

 

Schutz des Ganzen, nicht des Einzelnen

Als international anerkanntes Schutzgebiet zählt der Nationalpark zum ökologisch wertvollsten Naturraum eines Landes. Überwacht wird er von der IUCN (International Union for Conservation of Nature), der Weltnaturschutzunion. Sie klassifiziert Schutzgebiete und unterscheidet dabei sechs Kategorien:

(1) strenges Naturreservat/Wildnisgebiet,

(2) Nationalpark,

(3) Naturdenkmal,

(4) Biotop/Artenschutzgebiet,

(5) geschützte Landschaft/Marinegebiet und

(6) Ressourcenschutzgebiet/Kulturlandschaft.

Laut IUCN besteht das primäre Ziel von Kategorie II/Nationalpark im Erhalt der Biodiversität und ihrer natürlichen Prozessabläufe. Geschützt werden Ökosysteme, nicht einzelne Arten. Um die ungehinderte Entwicklung natürlicher Abläufe zu gewährleisten verpflichten sich Nationalparks auf mindestens 75% ihrer Gesamtfläche zu einer speziellen Form von Naturschutz, dem Prozessschutz.

 

Er ist die oberste Maxime eines Nationalparks und meint etwas anderes als der klassische Artenschutz, der beispielsweise in Natura2000-Gebieten verfolgt wird. Hier sucht man spezifische Arten und Lebensräume zu erhalten. So werden beispielsweise temporäre Mähverbote zugunsten bodenbrütender Vögel erlassen oder Latschen ausgeschnitten, um Balzplätze zu schaffen. Im Artenschutz greift der Mensch mit punktuellen Initiativen aktiv ein, um einzelnen bedrohten Arten einen Vorteil zu verschaffen und/oder Nachteile auszugleichen.

Anders der Prozessschutz: Er konzentriert sich auf das Ganze, nicht auf das Einzelne. Er lässt Dinge geschehen und natürliche Prozesse ablaufen - ungeachtet der Wünsche und Vorstellungen des Menschen. Die Natur darf sich im Prozessschutz nach ihren eigenen Gesetzen entfalten und entwickeln. Was dabei entsteht ist recht und wertfrei zu betrachten.

 

Raum für Natur

Man kann sich den Nationalpark als Raum vorstellen, den der Mensch für die Natur verfügbar macht. Innerhalb dieses Raums darf sie dann schalten und walten, wie es ihr beliebt. Der Mensch greift in diesen Raum nicht mehr aktiv ein, er ergreift keine Maßnahmen, um auf bestimmte Prozesse zu wirken oder Entwicklungen zu beeinflussen. In der aktuellen Nationalpark-Strategie „Österreich 2020+“ erklären die Nationalparks Austria „das verstärkte Zulassen einer vom Menschen unbeeinflussten Entwicklung entsprechend den Vorgaben der IUCN“ zum Schwerpunkt für die nächsten Periode. Nationalparks sollen eingriffsfreie Schutzgebiete sein, in denen Natur als Gesamtsystem geschützt wird - durch das Zulassen natürlicher Prozesse. Und das auf eben mindestens 75% der Nationalparkfläche. Wie sich Natur in weiterer Folge entwickelt, welche Arten bestehen, welche neu hinzukommen, was letztlich wo wie wächst oder abstirbt, ist im Nationalpark Sache der Natur. Sie reagiert auf Veränderungen und findet eigene Antworten im Umgang mit Störungen, mit vermeintlichen Naturkatastrophen wie Sturm, Lawinen- oder Murenabgängen.

 

Ein Hoch auf die Veränderung

Für sie ist selbst der Borkenkäfer kein Schädling, er ist weder gut noch schlecht, er ist Teil eines Ablaufs, das ohne Konzept, Regeln und Pläne auskommt. Der Fachbegriff dafür lautet „Dynamik-Konzept“ und dieses Konzept ist es, das Nationalparks - und Wildnisgebiete (Kategorie I) - von anderen Schutzgebieten unterscheidet. Im Nationalpark nimmt sich der Mensch zurück, er verlässt - um bei der bereits eingeführten Metapher zu bleiben - diesen für die Natur bereitgestellten Raum. In anderen Schutzgebieten hingegen verbleibt er darin, um ihn nach bestimmten Kriterien aktiv zu gestalten. Herbert Wölger, Direktor des Nationalparks Gesäuse, dazu: „Veränderungen zuzulassen, das ist schwer für uns Menschen. Aber genau das ist die Vision der Nationalparks: Veränderungen zulassen.“

 

Und das bedeutet auch: Entwicklungen wertfrei geschehen zu lassen. Ob einzelne Arten bestehen oder verdrängt werden, ob neue hinzukommen oder bestehende bedrohen: Im Nationalpark ist alles erlaubt und nichts „gut“ oder „schlecht“. Niedergang auszuhalten ist herausfordernd für den gestaltungsdurstigen Menschen. Der Nationalpark aber lehrt ihn: Was auch niedergeht, die Natur erfindet sich auf schier atemberaubende Art und Weise immer wieder neu. Sie ist originell und reaktiv. Der Mensch braucht nur zuzusehen. Eins ist gewiss: Was auch vergeht, die Natur weiß in Hülle und Fülle mit neuem Leben darauf zu antworten.

 

Text: Christina Geyer

(c) Erich Mayrhofer
(c) Sarah Wendl
(c) Tobias Kaser

 
 

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